Prof. Dr. Manfred Spitzer

21. April 2026

Vortrag Manfred Spitzer & Schulbands von PG & WG – Was haben Musik und Improvisation mit dem Gehirn zu tun?Der bekannte Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer klärt auf.
 
In der rappelvollen Aula der Gymnasien eröffnete die vierzehnköpfige und damit beinahe in Bigband-Stärke angetretene Schulband des Wieland-Gymnasiums unter Leitung von Michael Seitz die 12. Veranstaltung im Rahmen des baden-württembergischen Landesjazzfestivals 2026. Gut eingestimmt und gut einstudiert stimmten die jungen Künstler das erwartungsvolle Publikum auf den Vortrag des berühmten Forschers und langjährigen Inhabers des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Universität Ulm, Prof. Dr. Manfred Spitzer ein.
 
Kurzweilig, unterhaltsam und informativ wusste der seit vergangenem Jahr emeritierte Ulmer Hirnforscher seinen Vortrag zu gestalten. Unterstützt durch eine wandfüllende Projektion und eine „Taschenklarinette“ fesselte der routinierte Redner sein gespannt lauschendes Publikum. „Musik ist im Kopf“ lautete seine Einstiegsthese, verdeutlicht an einer selbst erstellten Skizze. In Analogie zum Sehen, bei dem die über die Augen einfallenden visuellen Signale im Sehzentrum des Gehirns erst zu verwertbaren Informationen verarbeitet werden, stellte er die ungleich komplexere Verarbeitung der Hörsignale in den zahlreichen beteiligten Hirnregionen dar. Ohne hier im Detail auf die Erkenntnisse der Forschung in deren wissenschaftlicher Terminologie einzugehen, darf der Verweis auf eine frei zugängliche Studie zur Jazz-Improvisation von Limb und Braun an der Johns Hopkins University in Baltimore hier nicht fehlen.
 
Beispielhafte Transkriptionen von einfachen Skalen-Improvisationen hin zu auch rhythmisch komplexeren Jazzimprovisationen und der, durch Hirn-Scans ermittelten, dabei jeweils aktiven Hirnareale führten zu der Erkenntnis, dass sprachliche Kommunikation und musikalische Improvisation dieselben Regionen ansprechen. Der Bedeutungsinhalt kann dabei ästhetisch, emotional, pragmatisch oder semantisch sein.
 
Beim näher untersuchten, traditionellen Call and Response – Prinzip bzw. in der „Trading Fours“- Methode des Jazz, bei der Musiker abwechselnd viertaktige Soli spielen, entsteht eine Art musikalisches Gespräch. Dieses führt zu einer gedanklichen Kopplung, beim dem der den Worten übergeordnete Sinn auch antizipatorische Vorwegnahme impliziert. Während der Redner noch nach dem richtigen Wort sucht, ergänzt der aufmerksame Zuhörer dieses bereits im Voraus. Ähnlich funktioniert auch gemeinsames Improvisieren in Verbindung mit der verstärkten Aktivierung der entsprechenden Hirnareale, vergleichbar dem Einsatz von Dopamin, dem Botenstoff des Belohnungssystems, welcher Motivation und Freude steuert. In abgeschwächter Form trifft dies auch auf das Musikhören zu. Musik aktiviert das Dopamin, führt zu Glückszuständen, schwächt Angst und Schmerzen ab, verbessert Sozialverhalten und Empathie.

Ob Spitzers Exkurs zum Polygamie-Gen dramaturgisch zielführend oder nur als humorvolle Einlage gedacht war, sei dahingestellt. Die Verbindung zwischen musikalischer Begabung und diesem Gen scheint jedoch hinreichend belegt, was Spitzer zu der augenzwinkernden Feststellung führte: „Ein Gentest muss nicht sein, lassen Sie ihn singen oder ein Instrument spielen, bevor sie eine Verbindung eingehen“. Alternativ ist es nicht unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft die Anti-Polygamie kommt.

Spitzers Fazit: Musik ist kognitives Training für Kinder, verstärkt die Selbstkontrolle und die Kontrolle von Emotionen, verbessert als soziales Phänomen das Sozialverhalten und die Paarbindung, regelt Angst herunter und Glück herauf. Sein finales Plädoyer lautete „Singt und Spielt, wann immer die Gelegenheit besteht. Und schon begann er einzuzählen: „A one, a two, a one two three for“ und munter auf der mitgebrachten Taschenklarinette zu spielen und zu improvisieren. Langanhaltender Applaus war im gewiss.

Dem Dank von Ralph Lange, dem Schulleiter des Wieland-Gymnasiums an den Redner und an den Co-Veranstalter und Initiator, den Jazzclub Biberach, folgte der Auftritt der Schulband des Pestalozzi-Gymnasiums unter ihrem musikalischen Leiter Fabian Schuster am E-Bass. Als Beispiel für angewandte Hirnforschung gab es dabei auch veritable Improvisationen der Bandmitglieder des Sextetts zu hören.